Über die Kunst des Kochens und wie aus Fadi Alauwad „Chef Fadi“ wurde

Über die Kunst des Kochens und wie aus Fadi Alauwad „Chef Fadi“ wurde

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Fadi Alauwad, Autor des Kochbuches „Fadi kocht syrisch“ war in seiner Heimat Syrien und weit darüber hinaus als Fernsehkoch bekannt. Inzwischen lebt er in Aachen. Wie es dazu kam und was seine beiden Leben in Damaskus und in Aachen ausmacht(e), erzählt er uns in dieser Interviewreihe. Und: Warum Kochen und Essen Heimat bringen kann.

Teil 1: Die Gäste waren glücklich, und ich war es auch

Corina: Fadi, was ist Kochen für Dich – mehr Beruf oder mehr Leidenschaft?

Kochen ist für mich Kunst, so wie Musik oder Zeichnen. Warum? Weil ich einzelne Zutaten – zum Beispiel Gemüse oder Obst, dazu verwende, aus ihnen etwas neues, wertvolles zuzubereiten. Ich möchte, dass die Menschen, die es dann essen, sich glücklich fühlen. Deshalb achte ich auch auf Optik: schöne Farben und geschmackvolles Anrichten gehört zu dieser Kunst hinzu. Meine Gäste sollen auf den Teller schauen und fühlen, was vor ihnen liegt, sie sollen es mit ihrem ganzen Körper begreifen.

Corina: Das bedeutet, Kochen ist für Dich mehr als nur Arbeit?

Ja, exakt. Für mich ist Kochen wie Kunst. Ein Maler geht ins Atelier, ein Musiker ins Studio. Ich gehe in die Küche.

Corina: Wie bist du zum Kochen gekommen?

Dazu erzähle ich gerne eine kleine Geschichte. Ich war noch in der Schule, als ich einen Nebenjob im Hotel „Le Meridien“ in Damaskus hatte. In Syrien sind im Sommer drei Monate Ferien, und ich habe mir in dieser Zeit immer etwas hinzu verdient, zum Beispiel um mir eine Kamera zu kaufen. Mein Bruder und ich fingen nun im „Le Meridien“ an, er half bei der Dekoration des Hotels, ich in der Küche. Das war für mich sehr eindrucksvoll. Ich sah diese riesige Küche, die Köche in ihrer weißen Kleidung mit roten Koch-Bandanas, und wie schnell sie die Zwiebeln geschnitten haben: zapp-zapp-zapp. Und wie das Fleisch gebraten wurde!

20151008_interview_fadi2Bis zu diesem Tag kannte ich nur die Küche meiner Mutter, die ich als Kind aber auch schon sehr liebte. Sie kochte jeden Tag ein Gericht für die ganze Familie. Wir lebten zu elft zusammen: mein Vater, meine Mutter, fünf Brüder, drei Schwestern und ich. Das war also immer eine große Runde zu Tisch. Mein Vater kam jeden Mittag um zwei Uhr von der Arbeit nach Hause, und immer hatte meine Mutter dann das Essen für uns auf dem Tisch. Ich erinnere mich, wie das Essen noch dampfend direkt aus der Küche an den Esstisch kam und wir alle zusammen aßen, bevor wir Kinder uns an die Hausaufgaben machten.

Ich liebte das sehr, und so war mein erster Gedanke nach dem Schulabschluss auch: „Ich gehe in die Küche.“ Ich begann dann im Meridien unter einem großen Chefkoch französischer Küche und weiteren anerkannten Köchen aus Syrien. Ich war noch sehr jung, ging zum Chefkoch und sagte, dass ich von ihm lernen möchte. Er entgegnete: „Du möchtest lernen, wie ich koche? Ich arbeite seit 20 Jahren hier im Meridien!“ Wir probierten es – und er sagte: „Immer wenn Du einen Fehler machst, geb ich Dir einen Tritt. Ich sagte immer noch: „Das ist kein Problem, ich will von dir lernen.“ – So sammelte ich am Anfang einige Tritte, den ganzen Tag lang. Es war harte Arbeit, aber ich wurde jeden Tag besser. Und schließlich sagte er: „Jetzt kannst du kochen.“

In der Küche meiner Mutter habe ich also das Kochen für mich entdeckt, und im Meridien dann meine berufliche Ausbildung begonnen.

Corina: In der arabischen Welt bist Du inzwischen als Fernsehkoch bekannt. Wie kam es dazu?

Nach zwei Jahren im Meridien wechselte ich zu einem anderen Restaurant in Damaskus, denn jeder Koch muss verschiedene Zubereitungsarten kennenlernen. Während ich im Meridien gehobene französische Küche lernte, ging es in diesem neuen Restaurant darum, auch für ältere, konservative Gäste zu kochen. Es lag in der Altstadt von Damaskus, in Bab Touma.

Fadi_Df__DSC5632Zu dieser Zeit dachte ich darüber nach, wie ich aus den üblichen Zutaten – Fleisch, Fisch, Gemüse – etwas Neuartiges zaubern könnte. Dazu wollte ich das Zubereiten auch als chemischen Prozess begreifen. Und ich wollte verstehen, welches Essen und welche Zubereitungsart gut für den Körper ist. Vieles ist doch einfach zuzubereiten, aber nach dem Essen kommen die Probleme, der Magen kann drücken oder man hat Sodbrennen.

Ich versuchte mich also in Rezepten mit Fleisch, Gemüse, Kräutern und anderem, probierte und verbesserte, entwarf immer neue Gerichte. Nach einiger Zeit nahmen wir sie in die Karte auf, gekennzeichnet mit „Fadis Menü“. Das war das erste Mal, dass ich versuchte habe, Kochen und Küche auf eine neue Art umzusetzen.

Als die ersten Gäste meine Gerichte bestellten, fürchtete ich, es könne ihnen nicht schmecken. Aber sie mochten es! Ich hörte es bis in die Küche: „Mmmmmh“ und „yummi“. Die Gäste waren glücklich, und ich war es auch. Es sprach sich dann schnell herum, dass es da einen neuen Chefkoch namens Fadi gebe, von dessen Karte man etwas bestellen solle.

Corina: Zu dieser Zeit hast Du also schon die Marke „Chef Fadi“ entwickelt …

(Fadi lacht) Ja, genau. Und nachdem sich das unter den Menschen verbreitet hatte, kamen die Magazine, um meine Küche zu testen. Sie fragten, was so speziell an meiner Art zu kochen ist – und schrieben dann über das Restaurant in der Altstadt mit dem Chefkoch Fadi: gesund, innovativ und lecker.

IMG_2303Schließlich bot mir ein Magazin an, wöchentlich mit syrischen Prominenten, zum Beispiel beliebten Schauspielern oder Musikern zu kochen. Jeden Samstag lud ich also einen Künstler in meine Küche ein, um ihm oder ihr mein so genanntes „neues Kochen“ beizubringen. Das Magazin berichtete darüber, und neue Magazine kamen vorbei. Das ging so über zehn Jahre, ich traf viele berühmte Künstler und alle genossen das Kochen und erzählten von mir und dem Restaurant weiter.

Schließlich kam das Fernsehen vorbei. Es dauerte eine Weile, bis wir alle Verträge gemacht hatten – damals gab es in Syrien nur sehr wenig Internet und so vereinbarten wir alles per Post. Bis dahin gab es im syrischen Fernsehen nur Sendungen, die das Kochen auf die gewöhnliche traditionelle Art vermittelten. Deshalb waren die Zuschauer begeistert, als ich meine „new idea“, also meine besondere Art zu kochen, präsentierte – übrigens immer sehr unterhaltend. In Syrien ist Kochen traditionelle Frauenarbeit. Ich widersprach: „Jeder kann kochen“, und machte meine Sendungen für alle: Junge, Alte, Frauen, Männer, Kinder.

Meike: Mit dieser Einstellung warst du revolutionär, das geht schließlich über das Kochen hinaus bis in die Gesellschaft.

Ganz genau, aber das ist mein Verständnis vom Kochen – jeder kann es und jeder sollte sich mit Ernährung beschäftigen. Ich zeigte meinen Zuschauern auch, wie man für Menschen mit speziellen Bedürfnissen kocht, zum Beispiel für alte Menschen, für Kinder, für Berufstätige oder für Menschen, die täglich im Auto essen müssen. Oder wie man für eine ganze Fußballmannschaft kocht, welche Speisen sich besonders für Sportler eignen.

Mit dieser Sendung war ich in Syrien, dem Libanon und den Golfstaaten zu sehen. Wir produzierten einmal wöchentlich eine einstündige Live-Cooking-Sendung. Alle Lebensmittel lagen vor mir auf der Bühne, ich sprach über das geplante Rezept und lud dann jemanden aus dem Publikum zum Mitmachen ein. Es gab Zuschauer, die dafür extra aus Kuwait nach Syrien reisten.

Corina: Danke, Fadi für diesen ersten Einblick.

Wenn Ihr wissen wollt, welche Besonderheiten die syrische Küche zu bieten hat und welche Gerichte Fadi am liebsten kocht, dann freut Euch schon jetzt auf unseren nächsten Blogbeitrag.

Das Interview führten Corina Pahrmann und Meike Fernandez-Steeger.




Fadi Kocht Syrisch - Liste Buchhandlungen

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3 Antworten

  1. […] die Kunst des Kochens und wie aus Fadi Alauwad – Chef Fadi wurde verpasst? Dann bitte hier […]

  2. […] und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft“ verpasst? Dann bitte für Teil 1 hier  und Teil 2 hier […]

  3. […] Teil 1 „Über die Kunst des Kochens und wie aus Fadi Alauwad – Chef Fadi wurde“ […]

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