Über die Zeit des Bürgerkrieges in Syrien und Fadis Neuanfang in Aachen

Über die Zeit des Bürgerkrieges in Syrien und Fadis Neuanfang in Aachen

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Fadi Alauwad, Autor unseres Kochbuchs „Fadi kocht syrisch“, war in seiner Heimat Syrien und weit darüber hinaus als Fernsehkoch bekannt. Inzwischen lebt er in Aachen. Wie es dazu kam und was seine beiden Leben in Damaskus und in Aachen ausmacht(e), erzählt er uns in dieser Interviewreihe. Und: Warum Kochen und Essen Heimat bringen kann.

Teil 3: Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, dann mache leckere Limonade daraus.

Corina: Gehen wir zurück zu Eurem Leben in Syrien. Als Du 2014 mit Deiner Familie das Land verlassen hast, ging der Krieg schon einige Jahre. Wie war Euer Leben zu dieser Zeit?

Das schwierigste waren die Kämpfe auf den Straßen: Normalerweise fuhr ich von meinem Haus zum Haus meiner Mutter zwanzig Minuten mit dem Auto. Im Frühjahr 2014 brauchten wir fünf Stunden. Wir mussten sehr gefährliche Straßen entlang und alle 200 Meter anhalten, dann kontrollierte uns das Militär. Wir saßen inmitten der verschiedenen Fronten in Syrien, Bomben fielen auf unsere Straße. Wir haben Menschen auf diesen Straßen sterben sehen. Es war zu gefährlich geworden, überhaupt irgendwohin zu fahren.

Wir wohnten etwas außerhalb in einem Dorf, ich arbeitete aber in der Innenstadt von Damaskus. Manchmal schlief ich direkt im Restaurant, manchmal bei Freunden, die neben dem Restaurant wohnten. Ich konnte zwei, drei Tage, manchmal eine ganze Woche nicht heimfahren. Wenn ich zuhause bei meiner Familie schlief, hörten wir nachts direkt vor unserer Haustür die Bomben fallen, die Maschinengewehre rattern. Meine Kinder liefen zu mir ins Bett – „Papa, Papa!“ – wir verschlossen alle Türen und verkrochen uns auf dem Fußboden. Eine Stunde, zwei Stunden, mehr. Dann versuchten wir wieder zu schlafen. Meine Kinder hatten jeden Tag und jede Nacht Angst. Sie weinten: „Papa, was sollen wir tun?“

Außerdem wurden auch Strom, Wasser und Gas regelmäßig abgestellt. Wir hatten eine Stunde Strom, sechs Stunden lang keinen. Manchmal zwei Tage kein Wasser im Haus. Auch einkaufen war schwierig: Wir konnten die Kinder nicht mitnehmen, das war zu gefährlich. Wir konnten sie aber auch nicht allein zuhause lassen. Die Lebensumstände wurden immer schwieriger.

Corina: Gingen Deine Kinder noch zur Schule?

Ihre Schule war ganz nah an unserem Haus, so konnten sie noch eine ganze Weile hingehen. Wenn wir Bomben gehört haben, blieben sie zuhause. Im letzten Jahr, bevor wir hierher kamen, meldete ich sie ganz von der Schule ab. Es war zu gefährlich.

Ich ging dann zunächst alleine in den Libanon. Zuhause in meinem Dorf war es inzwischen unmöglich geworden, das Haus überhaupt zu verlassen, ich konnte also auch nicht mehr arbeiten. Für sechs Monate arbeitete ich dann allein im Libanon – immer zwanzig Tage am Stück, dann kam ich für zwei Tage nach Hause. Im Libanon bereitete ich dann schon alles für unsere Flucht vor. Ich verkaufte unser Haus, unser Auto, sämtlichen Besitz und begann damit, Euros zu kaufen, weil ich nach Deutschland zu meinen Brüdern kommen wollte. Vor dem Krieg hätte ich mein Haus für 100.000 Euro verkaufen können. Jetzt war es nur noch 20.000 Euro wert.

Dann machten wir uns gemeinsam auf die beschwerliche Reise in den Libanon. Dort suchten wir die deutsche Botschaft auf, um unsere Visa zu bekommen. Mein Bruder hatte einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt. Nach zwei Wochen hatten wir unsere Papiere und konnten nach Frankfurt fliegen.

Corina: Hast Du noch immer Familie in Damaskus?

Ja. Meine Mutter ist 88 Jahre alt und lebt noch dort. Eine meiner Schwestern lebt bei ihr. Außerdem leben eine weitere Schwester und zwei weitere Brüder in Syrien. Die Familie meiner Frau ist auch noch in Syrien. Das ist sehr hart. Vor einigen Tagen ist mein Schwiegervater gestorben. Wir wissen nicht, was wir tun können. Wir können nicht hinfahren, wir können kein Geld schicken. Für uns ist das alles sehr schwierig, dazu ein neues Land und eine neue Sprache. Zum Glück haben meine Kinder keine Probleme. Sie gehen hier in Aachen in die Schule, sprechen sehr gutes Deutsch, lernen Englisch und Französisch. Ja, und ich habe Arbeit, meine Frau kümmert sich zuhause um alles.

Dennoch leiden wir unter der Situation, denn wir hatten ein sehr glückliches Leben in Syrien – bis vor fünf Jahren. Es war ein wunderschönes Land, ich hatte eine tolle Arbeit, es ging uns als Familie gut, alles war perfekt. Jetzt müssen wir bei Null anfangen. Ich habe mir etwas vorgenommen: Ich war in Syrien und anderen arabischen Ländern überall als Fernsehkoch bekannt und beliebt. Ich werde das wieder schaffen.

Corina: Ein Teil meiner Familie kommt aus Schlesien und musste im Zweiten Weltkrieg sein Zuhause zurücklassen. Mit dieser Erfahrung bin ich aufgewachsen, und uns (Enkel-)Kindern wurde immer gesagt: „Du kannst alles verlieren, aber nicht das, was du gelernt hast. Alles, was du brauchst, ist in deinem Kopf.“

Zitronen_ZitatJa, genauso ist es. Ich habe ein Motto: Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, dann bemühe dich, dass daraus eine gute Limonade wird. Das will ich versuchen: aus Nichts etwas zu machen, aus einer sauren Zitrone eine gesunde, leckere Limonade.

Und es ging mir ja um eines: Ich wollte meine Familie, meine Kinder schützen. Ich will, dass sie in Frieden aufwachsen. Deshalb bin ich hierher gekommen. Bevor wir Syrien verließen, fragte ich alle, ob sie einverstanden sind, dass wir in ein fremdes Land mit fremder Sprache gehen. Sie stimmten zu: „Okay, Papa, wir gehen zusammen und fangen gemeinsam von vorne an.“

Mir ging es so, dass ich sogar die arabische Sprache hinter mir lassen wollte – wir hätten ja schließlich auch in ein Land reisen können, in dem Arabisch gesprochen wird. Und dabei liebe ich mein Land, Syrien, immer noch sehr, es ist meine Heimat.

Meike: Wie kam es dann dazu, dass Du hier in Aachen einen Job in der Brasserie Aix gefunden hast?

Ich hörte, dass in der Brasserie Aix im Aachener Frankenberger Viertel ein Koch gesucht würde. Ich wohne ja quasi nebenan. Da ich über das Programm Familienzusammenführung nach Deutschland kam, konnte ich recht zügig mit einer Arbeitserlaubnis rechnen. Ich traf mich also mit dem Inhaber der Brasserie Aix und stellte mich vor. Er bat mich, ein bisschen etwas von mir zu erzählen. Ich zeigte ihm meinen Lebenslauf und meine Mappe mit all den Zeitschriftenartikeln über mich. Er sah alles an und sagte sofort: „So jemanden wie dich suche ich für meine Küche!“ Auf meinen Hinweis, dass ich noch keine Papiere habe, entgegnete er: „Ich warte auf dich!“ Zwei Monate musste er warten, und dann kam ich mit meiner Arbeitserlaubnis zu ihm. Er sagte: „Gut. Du kannst morgen anfangen.“

Nach zwei bis drei Wochen sprach sich dann auch herum, dass es einen neuen Chefkoch in der Brasserie Aix gibt, der eine ganz besondere, neue Note hineinbringt. Es kamen auch Syrer, die mich kannten. Eines Abends kochte ich für 55 Gäste syrische Spezialitäten. Ich begann dann auch, die Karte etwas umzugestalten.

Die Arbeit dort macht mich glücklich. Sie ist nah an meinem Zuhause, ich habe nette deutsche Kollegen, die mir zum Beispiel beim Briefverkehr mit Ämtern helfen. Ich gehe gerne hin, es macht mir großen Spaß. Ein Jahr bin ich nun schon dort. Leider habe ich jetzt keine Zeit mehr, einen Deutschkurs zu belegen. Ich hoffe, das klappt auch so.

Corina: Fadi, Du musstest vieles aufgeben, um Dich und Deine Familie zu retten. Wie wohl fühlt Ihr Euch inzwischen in der Kaiserstadt Aachen? Meinst Du, Aachen kann Deine zweite Heimat werden?

Alauwad_Familienportrait
Familie Alauwad

Was witzig ist: Durch meinen Bruder kannte ich Deutschland ja schon sehr lange. Als ich jünger war, setzte ich Aachen sogar immer mit Deutschland gleich. So wie man bei Frankreich sofort Paris vor sich sieht, habe ich beim Gedanken an Deutschland immer sofort Aachen assoziiert.

Als ich dann letztes Jahr – im Karlsjahr 2014 – in Aachen ankam, hörte ich, dass Karl der Große eine sehr gute Freundschaft mit dem Kalifen von Bagdad, Harûn al-Raschîd, geführt hat. Sie führten Handelsbeziehungen, und der Kalif beschenkte Aachen mit großzügigen Gaben, darunter auch Gewürze und Kräuter. Karl der Große schätzte insbesondere die Kräuter sehr und ließ überall so genannte Karlsgärten anlegen. Heute gibt es ein solches Kräuterbeet noch an der Südseite des Aachener Rathauses. Ich mag den Gedanken, dass schon einmal ein Araber wertvolle Dinge nach Aachen gebracht hat. Bei mir ist es meine Kochkunst, die ich einbringe. Und ich mache das sehr gerne, ich fühle mich sehr wohl hier.

Corina: Vielen Dank für die vielen – auch sehr persönlichen – Dinge, die Du in dieser Interviewreihe mit uns geteilt hast.

Ihr habt Teil 1 „Über die Kunst des Kochens und wie aus Fadi Alauwad – Chef Fadi und Teil 2 „Über die syrische Küche, Fadis Lieblingsgerichte und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft“ verpasst? Dann bitte für Teil 1 hier  und Teil 2 hier entlang.

Das Interview führten Corina Pahrmann und Meike Fernandez-Steeger.



Fadi Kocht Syrisch - Liste Buchhandlungen

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3 Antworten

  1. […] Teil 3 „Über die Zeit des Bürgerkrieges und Fadis Neuanfang in Aachen„ […]

  2. Sirit Coeppicus
    | Antworten

    Hallo ! Ich engagiere mich ehrenamtlich für syrische Flüchtlinge in Aachen und möchte gerne wissen ob es diese Seite auch für auf syrisch /arabisch gibt / geben wird. das wäre super toll! Gibt es ausserdem vielleicht mal ein event (gesponsort) an dem syrische Flüchtlinge teilnehmen können und mal bekocht werden oder mitkochen können? Auch das wäre super super super! Herzliche Dank für Eure Rückmeldung!
    Sirit Coeppicus

  3. Corina
    | Antworten

    Liebe Sirit Coeppicus, vielen lieben Dank für Deinen Kommentar. Diese Seite hier mit allen Infos hätten wir natürlich gerne auch in arabischer Sprache, allerdings übersteigt das unsere Fähigkeiten 😉 und momentan auch unsere Zeitplanung. Wir konzentrieren uns aktuell darauf, das Buch in den Mittelpunkt zu rücken, um viele Spenden für die SyrienHilfe zu gewinnen. Dieses Ziel hat immer wieder Vorrang.
    Ein Event mit Fadi und syrischen Flüchtlingen in Aachen klingt auf jeden Fall spannend. Am besten besprechen wir das mal direkt. Vielleicht magst Du uns mal eine Mail schicken? (kochbuch(at)dialego.de) Viele liebe Grüße, Corina

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