Sie versuchen, irgendwie zu überleben

Sie versuchen, irgendwie zu überleben

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Wenn ein Land in Schutt und Asche versinkt, wenn tausende Menschen sterben und noch mehr fliehen müssen, wenn sämtliche Friedensbemühungen gnadenlos scheitern, braucht es Menschen, die nicht aufgeben und beharrlich helfen. Karsten Malige vom Verein SyrienHilfe e.V. ist so ein Mensch. Was der Verein ganz konkret für die Menschen vor Ort tut, und warum das Kochbuch „Fadi kocht syrisch“ dabei hilft, hat er uns in diesem Interview erzählt.

Karsten Malige, was verbindet Sie mit Syrien?

Karsten Malige
Karsten Malige

Als ich 1997 das erste Mal nach Syrien kam, um für eine archäologische Ausgrabung die erforderlichen Vermessungsarbeiten durchzuführen, war mir dieses so wunderbare Land sofort eigenartig vertraut. Vielleicht lag es daran, dass ich als Kind schon mehrere Monate in Libyen, wo mein Vater Niederlassungsleiter einer deutschen Baufirma war, fast jeden Tag mit libyschen Kindern auf der Straße gespielt hatte. Ohne Sprachkenntnisse, wir verstanden uns auch so. Vielleicht lag es aber auch an den Farben und Gerüchen, den Geräuschen der Städte und Dörfer, der Pracht der alten Bauwerke und den wunderbaren Basaren, den herzlichen Begegnungen mit fröhlichen Menschen oder an der sehr ursprünglichen Gastfreundschaft der Beduinen in der syrischen Wüstensteppe. Syrien ließ mich seither nicht mehr los, viele Male besuchte ich es und lernte es immer wieder aufs Neue schätzen.

Umso mehr belasteten mich die Folgen des 2011 begonnenen Konfliktes in Syrien. Dabei zusehen zu müssen, wie so viele mir vertraute Orte Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen wurden, immer mehr Menschen ihre zerstörten Häuser verlassen mussten und schutzlos im Land umherirrten, war sehr schwer zu ertragen. Mit einigen anderen, die Syrien teilweise ebenfalls seit vielen Jahren kannten, gründeten wir daher 2012 den Verein SyrienHilfe e.V. – Ärzte, Lehrer, Archäologen, Ingenieure und Künstler, die sich engagieren wollten um mit örtlichen Helfern direkte humanitäre Hilfe und Nothilfe innerhalb Syriens zu organisieren.

Video: SyrienHilfe e.V.

In diesem Gründungsjahr, 2012, waren bereits große Teil der Infrastruktur in Syrien zerstört.

Genau, und schon damals waren viele Syrer als Folge der immer aggressiver werdenden Kampfhandlungen obdachlos geworden. Heute sind mehr als vier Millionen von ihnen im Ausland als Flüchtlinge registriert, die meisten von ihnen in Jordanien, dem Libanon und der Türkei. Fast acht Millionen Syrer aber sind Flüchtlinge in ihrem eigenen Land. Sie wabern zwischen den Kampfzonen hin und her und versuchen inmitten dieser unmenschlichen Bedingungen irgendwie zu überleben. Dass sie das können, versuchen wir zu ermöglichen. Dass sie dabei nicht ihre Würde verlieren, ist uns und allen syrischen Helfern von Anfang an ein sehr wichtiges Anliegen.

Wie sieht die Hilfe ganz konkret aus?

Beispielsweise richten wir bis zu 300 Lebensmittelpakete monatlich mit Grundnahrungsmitteln. Anstatt aber dazu aufzurufen, sie abzuholen, bringen unsere Helfer in Syrien diese zu den Familien. Bei der Gelegenheit fragen sie nach, ob etwas fehlt, ob andere Hilfe gebraucht wird, wo „der Schuh drückt“. Wenn in den von uns betreuten Familien Geburten anstehen, dann helfen sich die Frauen gegenseitig und freuen sich gemeinsam über das neue Leben.

Wir bringen Familien in Wohnungen unter und helfen wo wir können. So haben wir auch einige Selbsthilfeprojekte ins Leben rufen können, beispielsweise eine Geflügelzucht, die mittlerweile die einzige Fleischversorgung in der Region ist. Oder eine Gemüsefarm, die die Menschen mit frischem Obst und Gemüse versorgt und so der Mangelernährung entgegen tritt. Und ein Zentrum für Spezialbedürfnisse, in dem junge und alte Behinderte und Versehrte selbstgefertigte Rollstühle, Gehhilfen und vielfältige Betreuung erhalten.

In welche Projekte werden die Erlöse aus dem Kochbuch fließen?

Auch wenn wir gerade jetzt im Winter dabei sind, zusätzliche Projekte wie Schuhe für Flüchtlingskinder im Libanon oder selbst genähte Winterdecken in Syrien zu starten: was liegt näher, als die Erlöse aus dem Verkauf eines Kochbuchs für Nahrung auszugeben? Beispielsweise können wir damit die Anzahl der monatlich verteilten Lebensmittelpakete dauerhaft erhöhen oder sie im Winter etwas reichhaltiger gestalten. Oder wir können unserem „Projekt für Spezialbedürfnisse“, in dem wir uns um behinderte und versehrte Alte und Junge kümmern, stärker unter die Arme greifen und so unsere Bemühungen für die verstärken, die oft ganz am Ende der Kette stehen.

SyrienHilfe (2)

Als wir zum ersten Mal von der Unterstützung, die Ihr Team für die Menschen vor Ort leistet, hörten, waren wir sehr beeindruckt und auch ein bisschen ehrfürchtig. Und dann ratlos, denn wenn wir uns aktuelle Bilder aus Syrien in den Nachrichten ansehen, fragen wir uns immer wieder: Wie kann man in dieser Situation überhaupt helfen? Wie schaffen Sie das – ohne den Mut zu verlieren?

Die Not in Syrien wächst jeden Tag, ja. Glücklicherweise können auch wir unsere Hilfe steigern, indem wir Projekte erweitern und uns so um noch mehr Menschen kümmern. Dazu tragen auch Veranstaltungen bei, die von uns, mit uns oder für uns durchgeführt werden, beispielsweise Benefizkonzerte, Schulveranstaltungen oder kulturhistorische Vorträge von Archäologen. Oder eben „Fadi kocht syrisch“  – dank den Erschaffern und Käufern dieses Kochbuchs.

Ohne all die vielen kleinen und großen Spenden, die wir aus ganz Deutschland, der Schweiz und teilweise aus der ganzen Welt erhalten, könnten wir keine einzige Hilfe leisten. Kein Essen verteilen, keine Wohnungsmieten bezahlen, keine Rollstühle bauen, keine Winterkleidung oder Decken verteilen, keine medizinische Hilfe leisten. Es ist wirklich großartig, wie sehr uns all diese Menschen dabei helfen. Und es tut gut, diesen Rückhalt zu erfahren. Zu merken: wir sind nicht allein in unseren Bemühungen.

Was bedeutet Hilfe und Helfen für Sie persönlich?

Immer wieder merken wir, wie wichtig diese Arbeit nicht nur für die Menschen ist, die die Hilfe bekommen, sondern auch für uns alle, die helfen. Gerade den syrischen Helfern ist dies Balsam auf der Seele. Dem Leid der Menschen nicht nur zusehen zu müssen, sondern selber etwas tun zu können, um dieses Leid zu lindern, macht es mir und allen, die in unseren Projekten mitarbeiten, leichter, damit umzugehen. Unser aller innigster Wunsch aber ist eigentlich, dass Syrien und seine Bevölkerung endlich Frieden findet.

Das Interview führte Corina Pahrmann.

 


Fadi Kocht Syrisch - Liste Buchhandlungen

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Eine Antwort

  1. […] es den Menschen in Syrien aktuell geht und wie die SyrienHilfe e.V. sie unterstützt, haben wir (erneut) Karsten Malige […]

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