Brot und Hoffnung sind Luxus

Brot und Hoffnung sind Luxus

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Seit Frühjahr 2011 wird in Syrien gekämpft, mehr als vier Millionen Syrer sind bereits ins Ausland geflüchtet, sehr viel mehr Menschen versuchen innerhalb des Landes – oftmals ebenfalls auf der Flucht – zu überleben. Mit dem Kauf unseres Kochbuch „Fadi kocht syrisch“ haben viele unserer Leser dazu beigetragen, diesen Menschen vor Ort zu helfen. Wie es den Menschen in Syrien aktuell geht und wie die SyrienHilfe e.V. sie unterstützt, haben wir (erneut) Karsten Malige gefragt.

Karsten, wie geht es den Kontaktpersonen, die für die SyrienHilfe e.V. vor Ort helfen? Wie gefährlich ist ihre Arbeit derzeit?

Beides hängt sehr stark von dem Projekt ab, mit dem sie gerade betraut sind. Tenor aller Helfer ist, dass die Hilfe, die sie leisten können, unheimlich gut tut. Es füllt ihr Leben mit Bestätigung und bisweilen sogar mit Freude, und ohne dieses Hilfe-leisten-können wäre manch einer von ihnen längst selbst geflüchtet.

Wie ist die Situation für die syrische Bevölkerung, woran fehlt es im Moment am meisten?

Es fehlt an allem. Punkt.

Es gibt nichts, was in Syrien momentan zuverlässig und ausreichend vorhanden ist. Nach wie vor ist die Lage sehr schwierig. Es fehlt an Hoffnung – über Strom und Wasser brauchen wir gar nicht zu sprechen. Lebensmittel sind knapp, Tee und Kaffee ebenfalls. Selbst Brot ist in Syrien längst zum Luxusartikel geworden.

Katastrophal ist auch die medizinische Versorgung. Es fehlt an Medikamenten und Therapien für chronisch Kranke. Auch Krebsbehandlungen gibt es nicht mehr.

Lebensmittelpaket SyrienHilfe
Es sind auch die kleinen Dinge, die gut tun: Neben Zucker, Reis, Nudel, Linsen, Burgul, Käse, Marmelade, Tomatenmark, Butterreinfett, Öl, Zaatar und Tee enthielt das Lebensmittelpaket für Familien im Februar auch den selten gewordenen Kaffee. Bild: SyrienHilfe e.V.


Das bedroht nicht nur die körperliche Gesundheit bzw. das Leben der Menschen, sondern schlägt sich sicherlich auch auf ihre seelische Verfassung nieder. Haben sie noch (ein wenig) Zuversicht?

Pauschal lässt sich das nicht beantworten, es ist ja auch Charaktersache, wie man mit extremen Not- und Ausnahmesituationen umgeht. Wir stellen fest, dass wir den Menschen durch unsere besondere Art der Hilfe Hoffnung spenden. Wir bemühen uns sehr darum, die Würde der Menschen zu erhalten und zu stärken, etwa mit „Hilfe durch Selbsthilfe“-Projekte. Unser respektvoller Umgang hilft ihnen, Mensch zu bleiben. Wir geben ihnen bewusst nie das Gefühl, Bittsteller zu sein, sondern wollen ihre Selbstständigkeit erhalten. Dass das bei den Menschen genauso ankommt, empfinden wir als großes Glück.

Winterdecken
Hilfe durch Selbsthilfe: Syrische Flüchtlingsfrauen nähten in Beirut/Libanon hunderte Winterdecken. Bild: SyrienHilfe e.V.

Anfang des Jahres ist Madaya als Stadt des Hungers zu trauriger, weltweiter Bekanntheit erlangt. Es gab dort Dutzende Menschen, die an Hunger gestorben sind. Ist das ein Bild, das Ihr auch aus anderen Regionen kennt?

Ja, natürlich! Die Menschen hungern. Das ist allgegenwärtig. Nur rund 40 Prozent aller Menschen haben Zugang zu einigermaßen trinkbarem Wasser. Mangelernährung ist fast überall die Regel. Von 16 Millionen Menschen leiden 13 Millionen unter unregelmäßigem Zugang zu Nahrungsmitteln. Lebensmittel sind nicht ausreichend und nicht verlässlich regelmäßig verfügbar.

Garten SyrienHilfe Damaskus
Um der Mangelernährung entgegen zu treten haben die Mitarbeiter des „Zentrum für Spezialbedürfnisse“ in Damaskus Gemüse und für die syrische Küche typische und unerlässliche Kräuter angepflanzt. Die Ernte wird im Wesentlichen auf die Patienten (und ihre Familien) verteilt, die in diesem Zentrum Betreuung erfahren. Bild: SyrienHilfe e.V.

Ihr konzentriert Eure Hilfe auf Syrien, habt aber auch einige Projekte für die geflüchteten Syrer außerhalb des Landes. Kannst Du uns mehr darüber erzählen?

Über die Situation innerhalb der riesigen Flüchtlingslager etwa im Libanon, in der Türkei oder in Griechenland kann ich nichts sagen, wir helfen ausschließlich außerhalb dieser Lager. Genau genommen helfen wir den Menschen, eben nicht in den Flüchtlingslagern leben zu müssen. Wir unterhalten beispielsweise in Beirut eine Anlaufstelle, in der wir den syrischen Flüchtlingen dabei helfen, eine Wohnung zu finden. Wir vermitteln Wohnraum – gerade für Familien – und unterstützen sie auch schon mal mit Mietzahlungen oder der Übernahme von Gesundheitskosten.

Neben dieser alltäglichen Lebenshilfe legen wir großen Wert auf (Erwachsenen-)Bildung. Wir haben Werkstätten eingerichtet, in denen wir Kurse und Therapien durchführen – zuletzt haben wir dort unter anderem Näherinnen ausgebildet.

Inzwischen habt Ihr rund 40.000 Euro aus den Verkäufen von Fadis Kochbuch erhalten. Welche Projekte werdet Ihr daraus umsetzen bzw. habt Ihr eventuell schon umsetzen können?

Oh, das Geld ist bereits vielseitig eingesetzt worden. In Damaskus beispielsweise ist ein Teil des Geldes in ein Zentrum für Spezialbedürfnisse geflossen. Dort kommen Kinder und Jugendliche zusammen, die behindert oder chronisch krank sind. Wir konnten einen Fahrdienst einrichten, geben Nachhilfe und unterrichten auch selbst. Sehr am Herzen liegen mir auch die Projekte für Kinder mit Down Syndrom – diese Kinder glücklich zu sehen, hilft uns allen sehr.

Generell hat uns das Geld aus Fadis Kochbuch geradezu beflügelt – auch schon bevor es überhaupt auf unserem Konto einging. Gleich zum Verkaufsstart des Buches konnten wir schon massiv Winterhilfe leisten, wir ließen Näherinnen in Syrien Hunderte Decken für bedürftige Familien nähen. Für Kinder in Beirut kauften wir Winterstiefel, knapp 700 Kleidungspakete gingen an Kinder und Jugendliche in Damaskus. Wir statteten Schulen mit Öfen und Heizöl aus.

Und wir stockten laufende Projekte auf, führten zum Beispiel in der Türkei für geflüchtete syrische Kinder Traumatherapien durch.

Traumatherapie Syrien
Traumatherapien für Kinder in Bursa: Spielerisch und in altersgemäßen Gruppen (aktuell 6-8-Jährige und 9-12 Jährige, Jungen und Mädchen) können sie sich Schritt für Schritt kennen lernen, Ängste überwinden und gegenseitiges Vertrauen aufbauen. Bild: SyrienHilfe e.V.

Ich kann ganz klar sagen: Die hohe Spendensumme aus dem Kochbuchprojekt ermöglicht uns Tag für Tag, den Radius unserer Hilfe zu erweitern.

Das Interview führte Corina Pahrmann.

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